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Mann und Frau, Psychologie der Beziehungen

Das Klischee

„Das ist doch bloß ein Klischee. Ein altes, abgedroschenes Klischee. Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass alle Männer schlechte Zuhörer sind!“

Geradezu genervt von Stefanies immer offensichtlicheren Plattitüden beginnt sich Richard allmählich immer mehr aus der Diskussion zurückzuziehen.

Stefanie ärgert sich regelrecht darüber, dass er ihr die nötige Aufmerksamkeit entzieht. Doch wenn sie mal ehrlich ist, hat sie sich das selbst zuzuschreiben. Irgendwie hätte sie von Anfang an damit rechnen müssen, dass Richard das Spiel nicht ewig mitmacht. Er hatte lange genug ein offenes Ohr für Ihre Belange. Er hat die ganze Zeit Interesse für Ihre Probleme gezeigt. Er hatte mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen lange genug versucht auf ihre Sorgen und Nöte einzugehen.

Das ist ein Klischee

Aber mit dem Vorhalten von Klischees hat sie sich und der Debatte keinen Gefallen getan. Sie kann schließlich nicht erwarten, dass Richard sofort eine Patentlösung für ihr Wehwehchen aus dem Hut zaubert. Eigentlich kann sie ja schon froh sein, dass er sie aufgrund ihrer blonden Haarfarbe noch nicht als Dummchen abgestempelt hat. Oder dass er sie seit ihrem Zusammenzug in die gemeinsame Wohnung als Frau noch nicht hinter den Herd verbannt hat. Denn genau das sind typische Klischees. Vorurteile über eine bestimmte (geschlechtsspezifische) Personen-, Berufs- oder Bevölkerungsgruppe.

Vorgefertigte und kurzsichtige Meinungen, die mit dem ganzen Gewicht Ihrer Aussagekraft jede vernünftigen und logisch nachvollziehbaren Argumente verdrängen. Sie gelten in der landläufigen Meinung als unwiderlegbare Tatsache. Und hinterlassen bei vielen Gesprächspartnern nach wie vor einen gewaltigen Eindruck, der sie erst einmal kurz sprachlos macht.

Entstehung eines Klischees

Wozu also noch langatmige Diskussionen führen, bei denen man seine sachliche Argumentationskette bis ins Unendliche aufdröseln muss? Wenn Klischees dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie gleichkommen.

In unserer immer schnelllebigen Zeit kommt uns das ganz gelegen. Verzwickte Gedankengänge, der individuelle Blick hinter die Kulissen, Tiefgang in der Sache. Die meisten ersparen sich das aus Zeitmangel und Ungeduld und bedienen sich lieber Klischees.

Ganz aus der Luft gegriffen sind sie auch nicht. Jeder Mann hat bestimmt schon mal eine blonde Frau getroffen, die den Intelligenzquotient eines Wandschranks aufweist. Oder war schon mal Beifahrer einer Frau, die nicht einparken konnte.

Und auch als Frau sind Sie vielleicht schon mal einem Mann begegnet der tatsächlich ein schlechter Zuhörer war.

Der lieber an seinem getunten Auto herumgeschraubt hat und mit einer Flasche Bier sich regelmäßig vor dem Fernseher die Fußball- Bundesliga reinpfeift.

Das Klischee als Bündel an subjektiven Erfahrungswerten

Aber genau das macht Klischees auch so wirksam. Jeder kann von der ein oder anderen Erfahrung, die im Klischee enthalten ist, schon mal berichten. Stellt man die individuell gemachten Einzelerfahrungen in Zusammenhang mit Personen, die ebenfalls diese Erfahrung gemacht haben, entsteht allmählich ein Klischee.

Im Grunde genommen ist ein Klischee also nichts weiter als die Bestätigung von gebündelten individuellen Einzelerfahrungen. Monotone, ständige Wiederholungen des subjektiven Tatsachenberichts sind das schlussendliche Salz in der Suppe, um im Volksmund ein Klischee zu etablieren. Diese subjektiven Erlebnisberichte können, müssen jedoch nicht Tatsachen entsprechen.

In der Neuropsychologie ist dieses Phänomen bereits bekannt. Dort spricht man im Rahmen der „Neuro-linguistischen Programmierung“ davon, dass jeder Mensch seine eigene Weltanschauung, seine eigene Betrachtungsweise hat, unabhängig von der tatsächlichen Darstellung. Erlebt man dann als Kollektiv diesselben Erfahrungen, kann man darauf eigene Gesetzmäßigkeiten von Gegebenheiten formulieren.

Die Medien- Fließbandproduzenten für Klischees

Dass sich Klischees auch heute noch ungehindert rasend schnell verbreiten können, ist der vielfältigen Mediengesellschaft zu verdanken. Auf allen Kanälen (ob im Fernsehen, im Internet oder über das Smartphone) kann jeder zu jeder Tages und Nachtzeit seinen Meinung breit treten.

Über die sozialen Netzwerke finden sich schnell Anhänger, die einem die eigene Meinung unterschreiben oder sich als „outen“ gleiche Erfahrungen gemacht zu haben. Stellt ein User also beispielsweise bewusst eine Falschmeldung oder eine falsche Tatsache in den Raum, so gewinnt sie allein schon dadurch an Einfluss, dass dutzende sich damit identifizieren oder sie gar glorifizieren.

Blöd also für das Image der Blondinen, wenn ein User ein Video von einer Blondine hinterm Steuer postet, die es auf unerklärliche Weise geschafft hat das Auto im Kreisverkehr mitten auf der Verkehrsinsel zu parken.

Bekämpfung von Klischees und Vorurteilen

Das Klischee von der dummen Blondine bleibt somit jedenfalls aufrechterhalten. Aber kann man denn überhaupt was gegen Vorurteile und Klischees machen, denen man selbst oder denen anderer ausgesetzt sind? Die traurige Antwort ist leider: Nicht viel.

Das einzige Mittel um Klischees und Vorurteilen vorzubeugen ist, selbst immer offen zu bleiben und zu hinterfragen. Nehmen Sie nicht alles für bare Münze.

Selbst 1000 unabhängig voneinander erlebte Erfahrungen hinsichtlich eines bestimmten Themengebietes sind noch lang nicht repräsentativ und zeugen deswegen nicht automatisch von einer Regelmäßigkeit.

Respektieren Sie diese einzelnen Erfahrungen bestimmter Personengruppen zwar, aber lassen Sie sich nicht davon abschrecken.

Genauso wenig sollten Sie sich sofort den stereotypen Ansichten anderer anschließen, sobald sie selbst besagte Erfahrung gemacht haben.

Gehen Sie auf jede Person, mit der Sie sich in Ihrem Leben auseinandersetzen wollen offen und vorurteilsfrei um.

Dann haben Klischees keine Chance.

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